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Forschungsministerin fordert zum Reden auf – Forscherinnen und Forscher schweigen

Als Inszenierung hätte man es besser nicht planen können: Am Donnerstag veröffentlicht das BMBF das Grundsatzpapier zur Wissenschaftskommunikation, in dem Ministerin Karliczek Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Pflicht nimmt, mehr zu kommunizieren. Am Tag danach, am Freitag treffen sich Forscherinnen und Forscher von Scientists for Future zum Schweigeprotest vor dem Kanzleramt. Und: Während das Grundsatzpapier in Medien wiedergegeben (FAZ) und in Interviews vertieft (Riffreporter; Wissenschaftskommunikation) wurde, verlief der Schweigeprotest ohne mediale Resonanz. Nahezu zwangsläufig, dass die beiden Ereignisse nicht in Zusammenhang gesehen und diskutiert werden. Das ist bedauerlich, weil an diesem zufälligen, terminlichen Zusammentreffen wird einiges deutlich. Eine Einordnung.

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, hatte am Donnerstag ihren Auftritt. Im an diesem Tag vorgestellten Grundsatzpapier ihres Hauses (BMBF) zur Wissenschaftskommunikation fordert sie bessere Transparenz der Forschung, mehr Kommunikation und Beteiligung der Forscherinnen und Forscher im gesellschaftlichen Diskurs sowie mehr Beteiligung der Bürger an der Forschung. Nach Ansicht des BMBF stärkt unabhängiger Wissenschaftsjournalismus „durch seine kritische Beobachtung und Begleitung der Wissenschaft den evidenzbasierten öffentlichen Diskurs“. Mit guter Wissenschaftskommunikation, die sowohl Journalismus als auch die Öffentlichkeitsarbeit der Wissenschaftsinstitutionen umfasst, werde die Wissenschaftsmündigkeit der Bürgerinnen und Bürger sowie die Demokratiefähigkeit der Gesellschaft insgesamt gestärkt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollen befähigt werden, selbst und verständlich zu kommunizieren. Das soll sowohl Transparenz als auch Beteiligung breiter Gruppen ermöglichen. Bewegungen wie Fridays-for-Future oder Scientists-for-Future führt das Grundsatzpapier als Beleg für die Mobilisierungskraft und Relevanz von Wissenschaftsfragen an. So weit, so gut.

Die Politik vergisst das Politische

Nur was machen diese als Beleg angeführten Bewegungen am Tag nach Vorstellung des Grundsatzpapiers? Scientists for Future mobilisieren nach eigenen Angaben 200 Forscherinnen und Forscher, die sich dann am Freitag um die Mittagszeit zum Schweigeprotest vor dem Kanzleramt eingefunden haben. Grund: Die Politik habe zu lange, die Ergebnisse und Beiträge der Forschung gerade bei der Klimathematik überhört oder gar ignoriert. Um es in Jugendsprache zusagen: Echt jetzt? Antwort: Ja. Und das hat seinen Grund. Die Politik vergisst das Politische.

Schweigedemo vor dem Kanzleramt – nicht als Reaktion auf das Grundsatzpapier zur Wissenschaftskommunikation, aber zeitlich passend. Foto: S4F/Jörg Farys

Aus dem Grundsatzpapier spricht eine – bereits überwunden geglaubte – Vorstellung von Linearität, von einfachen Ursache-Wirkung-Zusammenhängen und Hoffnung auf Ansätze des Public Understanding of Science. Je besser Wissenschaft erklärt wird, je mehr Laien wissenschaftliche Ergebnisse verstehen oder sogar über Beteiligungsverfahren selbst die Forschungsagenda mitbestimmen können, desto besser kommen wissenschaftliche Ergebnisse zur Geltung. Sicher? Natürlich sind Transparenz, Verständlichkeit und Beteiligung auch im Wissenschaftsbereich nicht nur zu begrüßen, sondern auch einzufordern. Jeder Ge- und Verbrauch von Steuergeldern oder die damit erreichten wissenschaftlichen Ergebnisse müssen nachvollziehbar und dann auch verfügbar sein. Selbstverständlich ist eine Bildung mit wissenschaftlichen Inhalten in jeder Bildungseinrichtung vom Kindergarten an für eine sogenannte Wissensgesellschaft elementar. Und ebenso unstrittig ist, dass Forscherinnen und Forscher selbst auch Bürgerinnen und Bürger sind und eben auch ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte beitragen sollen, ja müssen. Nur: Das berührt die Dimension des Politischen, die im Grundsatzpapier zu wenig angesprochen wird.

Viel Wind um Abstand – nicht um Wissenschaft

Rund um die Veröffentlichung des BMBF Grundsatzpapiers beschäftigt das Kabinett die Diskussion um den Ausbau der Windkraft als zentrales Element der Energiewende. Dass Windkraft und deren Ausbau als Baustein für das Erreichen der Klimaziele unverzichtbar sind, scheint mehrheitlich Konsens der Forschung zu sein. Wenn aber Vorlagen kommen, die auf Basis der sogenannten Abstandsregel (von 1000 Metern zur nächsten Gemeinde) einen Ausbau der Windkraft, ja sogar die Erneuerung von bereits bestehenden Anlagen entscheidend beschränken, dann hat das wenig mit der Kommunikation von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun, sondern mit politischer Umsetzung, die von vielfältigen Interessen beeinflusst wird. Das ist der Kern des Vorwurfs, der den Anlass für den Schweigeprotest gegeben hatte. Die Rezipienten bestimmen zu einem wesentlichen Teil, was aus Kommunikation wird und das hat mit politischer Auseinandersetzung von widerstreitenden Interessen zu tun.

Anwälte in eigener Sache

Es fehlt ein weiterer Aspekt des Politischen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Personen aber auch Institutionen wie Forschungsnetzwerke, Universitäten und Hochschulen sollen also mehr kommunizieren. Das BMBF will dabei dazu anregen, die „im Rahmen der wissenschaftlichen Selbstverwaltung bestehende Reputationslogiken unter Wahrung der wissenschaftlichen Exzellenz“ zu überdenken. Vielleicht deutet diese Formulierung auf den Punkt hin, der allerdings viel deutlicher ins Bewusstsein gehoben werden muss. Es ist gerade erst wenige Wochen her, dass die Forschungsministerin die Exzellenz-Universitäten benannt hat. Und ein wesentliches Bewertungskriterium war dabei der Umfang und die Fähigkeit der Universitäten zur Drittmittelakquise. Das bringt aber auch Verbindungen und Verbindlichkeiten mit sich, die einerseits die Kommunikation beeinflussen und die aber auch deutlich machen, dass die Institutionen auch kommunizieren, um sich in diesem Wettbewerb zu positionieren. Also, wie es der Kommunikationswissenschaftler Dietram Scheufele formulierte, selbst als „political advocates“ auftreten und wirken.

Wer kann helfen? Unabhängiger Wissenschaftsjournalismus stärkt „durch seine kritische Beobachtung und Begleitung der Wissenschaft den evidenzbasierten öffentlichen Diskurs“, so steht es im Grundsatzpapier. Das BMBF will demnach diesen unabhängigen und kritischen Wissenschaftsjournalismus unterstützen. Das ist zu begrüßen. Einem solchen Wissenschafts-, Technik- und Innovationsjournalismus wird die Aufgabe zukommen, nicht nur Forschungsergebnisse darzustellen, sondern gerade die politischen Dimensionen von Wissenschaft, (angewandter) Forschung und konkreter Applikation von Erkenntnissen sowie die von Politik gesetzten Rahmenbedingungen in den Diskurs einzubringen. Das bedeutet Wissenschafts- und Technikjournalismus muss auch die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ethischen Dimensionen im Blick haben, analysieren und zur Diskussion stellen. Das mag dann manchmal weiter weg sein von den eigentlichen Forschungsergebnissen, ist aber nicht minder wichtig für ein demokratisches Gemeinwesen. Am Wissenschafts- und Technikjournalismus wird zudem deutlich, wie wichtig eine ernsthafte Kommunikation von Forschungseinrichtungen ist. Redaktionen werden zwangläufig oft nur durch die Institutionen und Forscherinnen und Forscher selbst auf Erkenntnisse, Ergebnisse und Projekte aufmerksam gemacht. Wenn das BMBF diese Organisationskommunikation stärkt und gleichzeitig den Journalismus in seinen Aufgaben unterstützt, dann kann das eine gute Entwicklung sein. Nur das Wie ist auch im Grundsatzpapier nicht benannt, geschweige denn ausgeführt. Der Schweizer Kommunikationswissenschaftler Mike Schäfer gibt zudem zu bedenken, ob eine Förderung der Wissenschaftskommunikation nicht der Ausdünnung des Wissenschaftsjournalismus Vorschub leistet.

Der Blick über den nationalen Tellerrand hinaus, den das BMBF sich selbst als Aufgabe in das Grundsatzpapier geschrieben hat, ist dazu absolut geboten. Die schwedische Innovationsagentur Vinnova hatte bereits vor 15 Jahren ein Programm „Innovation Journalism“ aufgelegt. Kern dieses Programms war die Einsicht, dass Innovationen sowohl technische und wissenschaftliche aber eben auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirken haben. In den USA existiert seit Jahren das Netzwerk „Solution Journalism“, das Journalismus dazu animieren will, neben Problemen auch mögliche, teilweise vielfältige Lösungsansätze zu kommunizieren. Wenn das Grundsatzpapier des BMBF diesen Weg eröffnet hat, dann ist das positiv. Dazu gehört aber, das Politische von Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation zu akzeptieren und zu integrieren.

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